Der Maschinist

Verfremdung tonaler Klangvorräte


Hans Schanderls und Lutz Hübners Mälzel-Oper
„Der Maschinist“  bei der EXPO uraufgeführt


Nationentage, Länderwochen, Theaterporträts der Städte: Die Weltausstellung als Messe des globalen Tourismus schob die Kultur als deren verlängerten Arm vor sich her. Das Magdeburger Theater wagte mit einer neuen Oper, wie der Deutsche Pavillon insgesamt, ein wenig mehr – wie in einem Mälzel’schen Musikautomaten hätten alle Rädchen perfekt ineinander greifen können: Die Reflexion über das beginnende Maschinenzeitalter als Opernsujet in den EXPO-Schwerpunkt „Mensch-Natur-Technik“; Hans Schanderls minimalistisch-polyrhythmische Verfremdungen tonaler Klangvorräte in das Libretto Lutz Hübners, das die Historie poetisch auf Distanz hält.

 Hübner gewinnt der Geschichte von Aufstieg und Fall des Metronom-Vermarkters und Erfinders von Kultursurrogaten eine unaufdringliche Relevanz ab, doch „ein Rädchen hakt, eine Feder ist zu lahm“: Mälzels Symbole menschlicher Unvollkommenheit manifestieren sich vornehmlich in der Inszenierung. Intendant Max K. Hoffmann höchstselbst hat Hand angelegt und Hübners intelligenten Text in einen nicht einmal farbigen Bilderbogen historisierender Ambition verwandelt, dem sogar das Zeug zum Ambiente fehlt. Gewiss waren die technischen Möglichkeiten beschränkt – erst am Tag der Aufführung stand der August-Everding-Saal zur Verfügung –, die Chancen zu jener Art von Distanzierung, die das Libretto vorgibt, wurden indes vertan. Dafür Perücken und Lakaienkostüme aus dem Fundus, unspektakuläre Modelle von Panharmonikum, Druckmaschine und Schachtürke, das Ganze in eine gähnende Bühnenleere gestellt. Dann wieder Reduktion der Handlungselemente bis zur Unkenntlichkeit, wenn Mälzels Scheitern an der Konstruktion einer mechanischen Sängerin schlicht nicht stattfindet und man sich – sofern etwas vom Text hörbar wird – fragt, woran der tragische Held hier eigentlich verzweifelt. Dabei hatte das Magdeburger Team die technischen Hürden (teilweise verdeckter Graben, Sängermikrophone, Chor aus dem Off) gut im Griff, nicht aber das Problem der Textverständlichkeit, womit dem Stoff das Rückgrat genommen ist. 

Denkbar schlechte Voraussetzungen also für die Entfaltung der Musik eines Komponisten, der die vom Libretto vorgegebenen Stimmungsbilder durch seine ganz eigene, in der Tonalität verwurzelte musikalische Sprache zu intensivieren versteht. In den inszenatorisch pointierteren Momenten, vornehmlich im zweiten Akt, kann sie so ein atmosphärisch dichtes Eigenleben entfalten, gibt einen oft repetitiven Grundpuls vor, der sich den dramatischen Notwendigkeiten flexibel anpassend mal zurücknimmt, mal stärkere Akzente setzt. Oder aber Mälzels Triumph am Ende des dritten Aktes: Obwohl von der Inszenierung nur mäßig unterstützt, steigern sich effektvoll instrumentierte rhythmische Strukturen zu eindrücklicher Wucht. An anderen Stellen aber, wo das konventionell abgespulte Bühnengeschehen den Stoff so gar nicht zur Entfaltung bringt, vermag auch Schanderls Musik nicht durchweg diesen Verlust an theatralischer Dimension auszugleichen.
Das Ensemble nahm sich ohne Ausfälle und engagiert der sanglichen Partien an, allen voran der darstellerisch etwas steife Roland Fenes als Mälzel sowie der agilere Ingo Anders in der Rolle des Jugendfreundes Anton. Christian Ehwald und die Magdeburger Philharmonie sorgten – bisweilen von nahe liegenden Metronomen unterstützt – dafür, dass sich die Reibungsverluste im instrumentalen Räderwerk in Grenzen hielten.

Juan Martin Koch

nmz-archiv 2000/11 | Seite 37
49. Jahrgang | November

Szenenfoto: Jürgen Banse 

 

 



 

 
 
 
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